Kontroverse PR-Praxis
Produkt-PR werden in der Literatur nach wie vor
hartnäckig mit reiner "Product Publicity"
gleichgesetzt. Dies zeugt von wenig Verständnis
für die zugrundeliegende Materie. Denn wer
mittel- bis langfristige Ziele anvisiert, sollte
dafür nicht nur absatzorientierte Medienarbeit
ins Auge fassen.
Dass Marketing und Werbung produktbezogen und
daher absatzorientiert, Public Relations dagegen
ausschliesslich unternehmenspolitischer Natur
und somit spezifisch auf die Lösung gesellschaftspolitischer
Interessenkonflikte ausgerichtet seien, entspricht
nach wie vor einer weitverbreiteten Lehrmeinung.
Die Kontroverse entbrennt dabei meist schon an
der unklaren Vorstellung dessen, wie mit den zahlreichen
und teilweise unscharfen Grenzbereiche in der
Praxis umzugehen sei.
Einseitige Marketing-PR
Kotler und Bliemel unternahmen 1995 den Versuch,
die überschneidenden Funktions- und Aufgabenbereiche
von Marketing und Public Relations mit dem Begriff
"Marketing-PR" zusammenzufassen (Marketing-Management,
1995, S. 1020ff). Sie verstanden darunter ergebniswirksame
PR-Beiträge zur Stärkung eines Unternehmens,
seiner Produkte und seines Images und stützten
sich dabei auf eine Befragung von 286 amerikanischen
Marketing-Managern.
Marketing-PR haben demnach zum Ziel, mit geeigneten
PR-Mitteln möglichst umfangreiche und positive
Publicity zu erlangen, um so - flankierend zur
klassischen Werbung - absatzfördernde Effekte
zu erzielen. Diese rein marktorientierte und tendenziell
kurzfristig ausgerichtete PR-Unterstützung
lässt sich alternativ mit dem Begriff klassischer
Product Publicity zusammenfassen und fokussiert
primär die Bekanntmachung neuer Produkte
und Dienstleistungen (aus dem Konsum-, Gebrauchs-
und Luxusgütersegment) über Fach- und
Publikumsmedien.
Ganzheitlichere Produkt-PR
Werden demgegenüber eher längerfristige
und qualitativere Zielsetzungen verfolgt, oder
stehen Themen zur Diskussion, die aus der Leistungserstellung
einer Unternehmung erwachsen, ist man mit reiner
Product Publicity, das heisst mit überwiegend
subjektiv gefärbter Produkt- und Dienstleistungs-Information
eher schlecht beraten. Unter ganzheitlicher Produkt-PR
werden deshalb - ergänzend zur klassischen
Produkt-Publicity - auch die kommunikative Vermittlung
objektiver, mit der Marktleistung oder deren Erstellungsprozess
zusammenhängender Sachverhalte und Nutzenaspekte
(Message Placement) verstanden.
Somit zielt ganzheitlich verstandene Produkt-PR
darauf ab, materielle oder ideelle Werte eines
grundsätzlich beliebigen Gutes zu kommunizieren.
Das Bestreben dieser Aktivitäten ist es,
einerseits Vertrauen für die kommunizierende
Unternehmung und deren Produkte oder Dienstleistungen
sowie für die damit zusammenhängenden
Leistungserstellungsprozesse zu schaffen und zu
pflegen, und andererseits - dies meist in Verbindung
mit Instrumenten klassischer Marktkommunikation
- verkaufsfördernd zu wirken. Anhand einiger
Überlegungen zur Pharma- und Investitionsgüterbranche
sollen vorstehende Ausführungen nachfolgend
etwas detaillierter beleuchtet werden.
Produkt-PR für pharmazeutische Erzeugnisse
Produkt-PR für pharmazeutische Erzeugnisse
nutzen in der Regel das gesamte Spektrum kommunikativer
Stossrichtungen (Push-Pull-Pass). So können
zum einen wichtige Absatzmittler wie Ärzte,
Apotheker und Drogisten mittels wissenschaftlicher
Studien, Symposien sowie mit Fachbeiträgen
in medizinischen Publikationen über neue
Indikationsfelder und Darreichungsformen eines
spezifischen Medikamentes geplant und gezielt
informiert werden.
Zum anderen kann interessierten Journalisten an
Veranstaltungen, Mediengesprächen oder Symposien
weiterführendes Hintergrundmaterial über
neuartige Wirkungsweisen oder Therapiemöglichkeiten
abgegeben werden. Diese Informationen münden
letztlich oft in (pull-orientierten) populärwissenschaftlichen
Lebenshilfebeiträgen in Tageszeitungen und
Publikumszeitschriften.
Die dritte mögliche Stossrichung von Produkt-PR
für pharmazeutische Erzeugnisse, welche als
Pass-Strategie primär diejenigen Teilöffentlichkeiten
und Institutionen fokussiert, von deren "Goodwill"
das kommunizierende Unternehmen am stärksten
abhängt, zielt auf den Aufbau und die Pflege
eines aktiven Meinungs- und Erfahrungsaustausches
mit Behördenvertretern, Politikern und Kontrollstellen,
um auf diese im Rahmen der gesetzlichen und ethischen
Normen Einfluss auszuüben.
Merkpunkte:
Die inhaltliche Beschränkung klassischer
Werbung sowie kundenorientierter Verkaufsförderungsmassnahmen
durch die Interkantonale Kontrollstelle für
Heilmittel (IKS) erfordert und fördert den
Einsatz von Produkt-PR. Diese Vorgehensweise ist
überhaupt oft der einzige Weg, um bestimmte
Produktinformationen und Verkaufsargumente kommunizieren
zu können.
Bei der Produkt-PR für pharmazeutische Erzeugnisse
steht nicht primär die Produkt-Publicity
im Zentrum, obwohl meist ganz klar die Unterstützung
langfristiger Marketingziele beabsichtigt ist.
Im Vordergrund steht vielmehr gezieltes Message
Placement, welches durch die Einbindung wichtiger
und einflussreicher Opinion Leaders (Tiefenstrategie)
nach Möglichkeit zusätzlich verstärkt
wird.
Die Einbindung von Publikumsmedien (Breitenstrategie)
verläuft über die Vermittlung leserfreundlicher
Hintergrundinformationen zu spezifischen Indikationsfeldern
und Wirkungsweisen. Oft sind es im übrigen
medizinische Fachpersonen, die als freie Journalisten
im Auftrag von Redaktionen oder Unternehmen populärwissenschaftliche
Artikel verfassen.
Produkt-PR für industrielle Investitionsgüter
Dem Instrument Produkt-PR fallen im gesamten Lebenszyklus
des industriellen Anlagengeschäftes verschiedene
wichtige Rollen zu. In der Voraquisitionsphase
haben sie z. B. die Vielfalt der beherrschten
Erfolgsfaktoren zu vermitteln. In der Aquisitionsphase
unterstützen sie das Argumentarium der Projektteams;
in der Verhandlungsphase liefern sie Politikern,
Behörden, Stimmbürgern sowie weiteren,
interessierten oder betroffenen Kreisen wesentliche
Informationen für die Meinungsbildung; in
der Nachkaufphase können Produkt-PR schliesslich
die wichtigsten Entscheidungsgrundlagen fortlaufend
aktualisieren respektive dokumentieren.
Trotz der nicht zu unterschätzenden Bedeutung
von Produkt-PR im Investitionsgüterbereich
darf man sich keine Illusionen machen! Allein
mit Produkt-PR können keine Investitionsgüter
verkauft werden. Ein solides Produkte- und Projektportfolio,
ein effizientes und effektives Projektmanagement
verbunden mit konkurrenzfähigen Preisen,
insbesondere aber das Projektteam an der Front
sind und bleiben der Schlüssel für wirtschaftlichen
Erfolg. Trotzdem können langfristig angelegte
sowie gezielt eingesetzte Produkt-PR den Entscheidungsprozess
während der Akquisitions- und Verhandlungsphase
subtil und "gewinnbringend" unterstützen.
Merkpunkte:
Die während einer mehrstufigen Entscheidungsfindung
immer wieder zu Tage tretenden, politischen und
wirtschaftlichen Interessenkonflikte sind parallel
und in Abstimmung mit dem gesamten Kommunikations-Mix
zu bearbeiten. Produkt-PR können auf die
betreffenden Prozesse nur eingeschränkt und
höchstens indirekt Einfluss ausüben,
diese sehr wohl aber informativ "unterfüttern".
Die Komplexität industrieller Investitionsgüter
aber auch die Vielzahl relevanter Anspruchs- und
Bezugsgruppen machen eine sorgfältige, zielgruppengerechte
Planung der Produkt-PR-Aktivitäten unumgänglich.
Die verbreiteten Informationen müssen für
involvierte Techniker und Ingenieure, für
Gutachter, die bewilligende Behörde aber
auch für die betroffene Bevölkerung
verständlich, relevant und massgebend sein.
Da Produkt-/Marktverantwortliche durch das Tagesgeschäft
in vielerlei Hinsicht gebunden sind, betrachten
sie Produkt-PR verständlicherweise nicht
als ihre vordringlichste Aufgabe. Deshalb obliegt
die Produkt-PR-Verantwortung sinnvollerweise der
zentralen Kommunikations- oder Public Relations-Abteilung.
Fazit:
Produkt-PR sind sinnvoll und zielführend,
wenn das kommunizierende Unternehmen oder dessen
Marktleistungen von öffentlichem oder gesellschaftlichem
Interesse sind, die Produkte und Dienstleistungen
in ihrem Bereich über eine starke Positionierung
verfügen oder aber für Publicity-Aktivitäten
zumindest einen erkenn- und kommunizierbaren Newswert
aufweisen. Herrscht eine solche Ausgangslage vor,
sind Produkt-PR eine sinnvolle Ergänzung,
manchmal auch die Vorbereitung, der solide Unterbau
oder aber der wirkungsvolle Hintergrund für
langfristigen Markterfolg.
Autor:
Dr. Marco Dick, Managing Partner Comma Factory
Artikel erstmals publiziert in:
Marketing
& Kommunikation, Nr. 7/8 2001, S. 70/71
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