Public Relations schaffen Unternehmensidentität
PR-Berater werden oft nur als kurzfristig orientierte
Publicity-Aktivisten wahrgenommen. Doch Public
Relations für Unternehmen haben einen gänzlich
andern Fokus: Sie müssen Meinungsbildungsprozesse
aktiv so gestalten, dass Unternehmensidentitäten
geschaffen und glaubwürdig vermittelt werden
können.
Für viele Unternehmen und Branchen haben sich
die Wettbewerbsbedingungen in den vergangenen Jahren
entscheidend verschärft. Technischer Fortschritt,
Liberalisierung und Globalisierung führten
zu einem immer intensiver ausgetragenen Kampf um
wertvolle "Kundenbeziehungen", wobei die
subjektive Positionierung eines Unternehmens zunehmend
wichtiger wird als seine objektive Marktleistung.
Es ist naheliegend, dass diese neuen Rahmenbedingungen
nicht nur adäquate strategische Antworten,
sondern auch neue Lösungsansätze für
das unternehmerische Kommunikationsverhalten erfordern.
Jede Veränderung althergebrachter industrieller
Logik führt deshalb zwangsläufig auch
zu einer Veränderung der aktiv gestalteten
Unternehmenskommunikation. Vor diesem Hintergrund
wird klar, weshalb Public Relations für Unternehmen
nicht nur shareholder- und marktgerecht, sondern
ebenso auch öffentlichkeitsgerichtet orientiert
sein muss, wenn die eigene Glaubwürdigkeit
keinen Schaden nehmen soll.
Hohe Anforderungen an Kommunikationsverantwortliche
Obwohl auch Kommunikation vermehrter Konkurrenz
sowie beschleunigtem Zeitwettbewerb unterliegt,
darf dieses Faktum mit Blick auf die geplante
Unternehmenskommunikation nicht zu inskonsistentem
Verhalten oder gar purem (Re-)Aktivismus führen.
Kommunikativer Erfolg stellt sich nämlich
nicht rein zufällig ein; er basiert vielmehr
auf umfassenden Analysen, systematischer Planung
sowie der strategischen Steuerung aller zur Verfügung
stehenden Kommunikationsressourcen, wobei die
vielfältigen Erwartungen relevanter Marktpartner
genauso zu berücksichtigen sind, wie die
unterschiedlichen Befindlichkeiten gesellschaftlicher
Anspruchsgruppen.
Innerhalb der kommunikativen Teilsysteme Public
Relations / Unternehmen / Umwelt kommen in diesem
Zusammenhang die verschiedensten Wechselbeziehungen
zum Tragen. Sie lassen sich mit Hilfe eines von
Crable und Vibert entwickelten Dreiphasenmodells
plausibel beschreiben, wobei die einzelnen Modellebenen
jeweils für gänzlich unterschiedliche
Anspruchsniveaus in Bezug auf Public Relations
und folglich auch für deutlich differenzierte
Anforderungen an die jeweiligen PR-Akteure stehen.
Strategische Kommunikationsplanung
Auf der obersten Ebene des Multi-Phasen-PR-Management-Modells
stehen die Public Relations im Dienst der strategischen
Kommunikationsplanung, einem wichtigen Element
im Rahmen unternehmenspolitischer Entscheidungs-
und Kommunikationsprozesse. Auf dieser Stufe haben
Public Relations hauptsächlich die Aufgabe,
vor dem Hintergrund existierender, unternehmensbezogener
Wertvorstellungen sowie detaillierter Organisations-
und Umfeldanalysen eine wirksame Kommunikationsstrategie
zur Positionierung einer Organisation, einer Marke
oder eines Produktes im Sinne eines "Unique
Selling Proposition" (USP) zu entwickeln.
Gerade weil geographische, strukturelle sowie
marktleistungsspezifische Konturen zunehmend unscharf
werden, wird der Aufbau sowie die Kommunikation
einer glaubwürdigen, wertzentrierten Unternehmensidentität
zur unabdingbaren Notwendigkeit. Diese Aufgabe
kann nicht an klassische Unternehmensberater delegiert
oder gar mit deren üblichen Handlungsfeldern
im Bereich der Organisation, der Finanzen sowie
des Marketings vermengt werden. Sie ist vielmehr
zentrales Element der sogenannten Corporate Communications,
die hier kein Modewort, sondern Herausforderung
und Verpflichtung zugleich bedeuten.
PR-Programmplanung
Die mittlere Ebene, welche auch als Phase der
Programmplanung bezeichnet wird, dient der proaktiven
PR-Arbeit. PR-Akteure befassen sich hier mit den
an sie (vom PR-Management) herangetragenen Aufträgen
zur detaillierten Analyse erkannter und für
die Unternehmung bedeutsamer Kommunikationsfelder.
Die Ebene der Programmplanung verlangt im Gegensatz
zur nachfolgenden Aufgabenabwicklung nicht nur
nach spezifischem PR-Fachwissen, sondern insbesondere
auch nach ausgeprägten analytischen Fähigkeiten.
Die Programmplanung endet in der Regel mit einem
Arbeitspapier zuhanden des (PR)-Managements. Dieses
enthält einen detaillierten Massnahmenplan
zur Reduktion identifizierter Kommunikationsprobleme.
Denn Aussicht auf Erfolg hat nicht primär
eine weitere Beschleunigung, sondern die gezielte
Optimierung kommunikativer Aktivitäten. Nur
eine in sich stimmige Gesamtkommunikation schafft
Glaubwürdigkeit und damit einen langfristig
unersetzlichen Wettbewerbsvorteil.
Operative PR-Massnahmen
Auf der dritten Ebene beschäftigen sich
PR-Schaffende schliesslich mit der operativen
Durchführung konkreter Kommunikationsaufgaben.
Sie kann dementsprechend auch als Ebene der Aufgabenabwicklung
bezeichnet werden. Auf dieser Ebene besitzen die
Public Relations einen überwiegend operativen
Instrumentalcharakter, auf welchen der Fachbereich
leider oft reduziert wird. Die Anforderungen,
die auf dieser Ebene an die PR-Akteure gestellt
werden, sind - der eher geringen Komplexität
und hohen Standardisierbarkeit wegen - vornehmlich
praktischer Natur. Dementsprechend dient diese
organisatorische Ebene oft als willkommenes "Trainingslager"
für neueintretende PR-AssistentInnen und
Marketing-Trainees oder aber als "Schreibstube"
für ehemalige Journalisten und PR-Quereinsteiger.
Glaubwürdigkeit als Ziel
Die bisherigen Ausführungen machen deutlich,
dass die Anforderungen an PR-Schaffende vielgestaltig
und anforderungsreich sind. Die Mehrdimensionalität
kommunikativer Anspruchsgruppen verlangt einerseits
nach Kommunikationskonzepten mit sowohl differenzierendem
Inhalt als auch strategischer "Bodenhaftung".
Andererseits steigt die Bedeutung, die PR-Schaffende
mit ihrer öffentlichkeitswirksamen Arbeit
auf die betriebs- und marktwirtschaftliche Entwicklung
eines Unternehmens ausüben. Die auf einem
oberflächlichen Verständnis von Public
Relations basierende Reduktion des Fachbereichs
auf einzelne Kommunikationsmassnahmen ist deshalb
nicht nur unvollständig, sondern ganz einfach
falsch.
Genauso, wie fast alle wichtigen Kommunikationsaufgaben
nur im Verbund mit anderen Disziplinen zu lösen
sind, kann auch moderne Unternehmensführung
immer weniger nur auf die klassischen Kategorien
wie "Strategie" und "Marketing"
bauen. Vielmehr sollte die gegenseitige Inspiration
wirtschaftlicher und kommunikativer Logik vorangetrieben
und als Chance dafür gesehen werden, frühzeitig
Fehler und Schwächen in strategischen wie
auch in kommunikativen Konzepten zu erkennen.
Je umfassender und exakter der dafür zugrundeliegende
Zielfindungsprozess angelegt ist, desto effizienter
und erfolgreicher kann die wichtigste Kommunikationsaufgabe,
die Vermittlung einer eigenständigen und
glaubwürdigen "Unternehmensidentität"
erfüllt und damit unternehmerische Glaubwürdigkeit
gewonnen werden.
Autor:
Dr. Marco Dick, Managing Partner Comma Factory
Artikel erstmals publiziert in:
Marketing
& Kommunikation, November 1999, S.
47-48
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